Geometer Europas 2017

Guillaume-Henri Dufour

Guillaume-Henri Dufour ist eine der grössten Schweizer Persönlichkeiten des 19. Jahrhunderts. Er wurde am 15. September 1787 in Konstanz geboren und starb am 14. Juli 1875 in Les Eaux-Vives (heute ein Vorort von Genf). Dufour war zwei Jahre alt, als seine Eltern mit ihm nach Genf übersiedelten, wo er am Collège zur Schule ging und danach Geisteswissenschaft und Physik an der Akademie studierte. 1807–1809 besuchte er die Ecole polytechnique in Paris und 1809–1810 die Ecole supérieure d'application du génie in Metz. Ab 1811 leistete Dufour Militärdienst in der französischen Armee, unter anderem beim Bau von Befestigungsanlagen auf der Insel Korfu. 1817 quittierte er seinen Dienst und kehrte nach Genf zurück. Im gleichen Jahr heiratete Dufour Suzanne Bonneton, mit der er vier Töchter zeugte: Annette (1820) Louise (1823), Elisabeth (1828) und Amélie (1835).

1817–1850 übte Dufour in Genf die Funktion eines Kantonsingenieurs aus. Von dieser Tätigkeit zeugen mehrere Hängebrücken, die Neugestaltung der Uferpromenade und die Erstellung des kantonalen Katasters. Zudem setzte er sich für die Errichtung einer Eisenbahnlinie Lyon–Genf, die Beschaffung der ersten Dampfschiffe auf dem Genfersee sowie die Einführung der städtischen Gasbeleuchtung ein. Ebenfalls 1817 wurde Dufour in das neu geschaffene Bundesheer integriert, wo er 1819 Mitbegründer der Militärschule von Thun beteiligt war. Hier amtierte er bis 1831 als Genie-Instruktor und Lehrer, unter anderen von Louis-Napoleon Bonaparte, dem zukünftigen Napoleon III., mit dem er sein Leben lang befreundet blieb.

1832 wurde er zum Oberstquartiermeister der Eidgenossenschaft (Generalstabschef) ernannt und hatte somit den Auftrag, im Falle eines Krieges in Europa die Verteidigung der Schweiz zu organisieren und war somit auch für die Gesamtheit der schweizerischen Befestigungen zuständig. In dieser Funktion hatte er zudem die Vorarbeiten für die Topographische Karte der Schweiz 1:100,000 zu überwachen. Die trigonometrischen Vermessungen waren bereits zehn Jahre früher begonnen worden, doch verhinderten verschiedene Umstände, vor allem aber die fehlende finanzielle Unterstützung ein Vorankommen. 1838 konnte Dufour mit dem Zeichner Johann Jakob Goll und dem polnischen Ingenieur Alexandre Stryjenski zwei Mitarbeiter fest verpflichten und in Carouge bei Genf ein „Bureau topographique fédéral“ einrichten – die offizielle Geburtsstunde des heutigen Bundesamtes für Landestopografie swisstopo. Im gleichen Jahr erfolgte die Publikation der Carte topographique du Canton de Genève 1:25,000, die unter seiner Aufsicht entstand und als Vorbild für die weiteren kartographischen Arbeiten gilt.

Basierend auf den Basismessungen im Grossen Moos zwischen Walperswil und Sugiez (1791, 1797, 1834) musste eine „Triangulation Primordiale“ über die Alpen durchgeführt werden, die 1837 erfolgreich abgeschlossen wurde. Die durch ihn veranlassten topographischen Aufnahmen wurden von den Kantonen 1839 begonnen und führten zur Topographischen Karte 1:100 000 (einfarbiger Kupferstich), die zwischen 1845 (Blatt XVI) und 1865 (Blatt XIII) in 25 Blättern gedruckt wurde.

Die Karte wurde nach Flamsteeds modifizierter Projektion entworfen und beruht auf einer Blatteinteilung, die auch für das heutige Landeskartenwerk noch Gültigkeit hat. Als Nullpunkt der schweizerischen Triangulation wurde die Sternwarte in Bern und als Ausgangspunkt für die Höhenmessung die durch französische Ingenieure trigonometrisch bestimmte Höhe des Chasserals gewählt. Für die Wiedergabe des Geländes wählte Dufour eine Darstellung mittels Schattenschraffen und einer detailreichen, ebenfalls schattierten Felszeichnung, mit einem fiktiven Lichteinfall aus Nordwesten. Bei den Vermessungsarbeiten, insbesondere aber bei der kartographischen Darstellung wiederspiegelt sich Dufours Ausbildung in Frankreich.

1855 gewann die Dufourkarte an der Weltausstellung in Paris eine Goldmedaille, welcher zahlreiche weitere Auszeichnungen an internationalen Ausstellungen folgten. 1863 wurde Dufour bereits zu Lebzeiten von der Landesregierung für sein erfolgreiches Werk geehrt, indem die „Höchste Spitze“ zur „Dufour-Spitze“ umgetauft wurde, was für das Blatt XXIII (Erstausgabe 1862) bereits eine Kartenkorrektur und einen erneuten Druck erforderlich machte.

Zwischendurch hatte Dufour auch militärische Verteidigungs- und Schlichtungsaufgaben zu erfüllen, so zum Beispiel in Basel, Genf und Neuenburg. Am 21. Oktober 1847 ernannte ihn die Tagsatzung zum Befehlshaber der eidgenössischen Truppen. Als General sollte er den sogenannten Sonderbund auflösen. Nach einem geschickt geführten und fast unblutigen dreiwöchigen Feldzug kapitulierten die abtrünnigen Kantone. Er verpflichtete seine Truppen stets dazu, sich an strenge humanitäre Grundsätze zu halten. Während der Revolution im Grossherzogtum Baden 1849 und 1859 im Zusammenhang mit dem sardinisch-französischen Krieges gegen Österreich befehligte er erneut die Schweizer Armee, um allfällige Übergriffe auf die Schweiz zu verhindern.

Neben seinen Tätigkeiten als Ingenieur und Offizier war Dufour sowohl in Genf als auch auf Bundesebene politisch aktiv. In Genf wurde er 1819 in den Repräsentierenden Rat gewählt, wo er die Liberalen vertrat. Auf nationaler Ebene war er im Nationalrat 1848–1851 Abgeordneter für das Berner Seeland und 1854–1857 für den Kanton Genf. Von 1862–1866 vertrat er Genf sogar im Ständerat. 1863 war er einer der fünf Mitbegründer des Comité international de secours aux militaires blessés, dem späteren Internationalen Komitee vom Roten Kreuz (IKRK), das er im ersten Jahr präsidierte.

Guillaume-Henri Dufour verfasste ein Lehrbuch der Taktik (1842, franz. 1840) sowie Publikationen über Befestigungen und verschiedene militärhistorische Studien. Seine Tätigkeit als Ingenieur und Wissenschaftler war äusserst vielfältig: Er befasste sich unter anderem mit den Bereichen Geometrie, Kartenprojektion, Brückenstatik, Widerstand von Festkörpern, angewandte Mechanik, Vermessungskunde, Hydraulik, Wasserstandsmessung und Gnomonik.

Seine Topographische Karte der Schweiz 1:100,000 gilt auf internationaler Ebene als Pionierwerk. Durch seine beispielhaften und detaillierten Instruktionen waren einige der Kantone in der Lage, aus den für Dufour aufgenommenen topographischen Grundlagen eigene grossmassstäbige Kantonskarten zu publizieren.